Stadt machen

Die Rathenower Straße erzählt ihre Geschichte

Knapp einen Kilometer lang, dafür mit umso beeindruckender Historie: In der Rathenower Straße lässt sich der Wandel Moabits seit den 70er-Jahren gut beobachten. Grund genug, sich die Gebäude in der Rathenower Straße 16 in Berlin genauer anzusehen.

Luftaufnahme von Berlin mit Blick auf eine Baugrube an der Rathenower Straße, in der zwei gelbe Baukräne aktiv sind. Im Hintergrund dominiert der Berliner Fernsehturm die Skyline, umgeben von der charakteristischen Mischung aus Plattenbau-Wohnblocks und modernen Gebäuden.

Wer bei einem Spaziergang durch Berlin-Moabit an dem Gelände Rathenower Straße 16 vorbeigeht, spürt den Wandel sofort. In den 1970er-Jahren war hier ein Kinder- und Jugendwohnheim als Modellprojekt angesiedelt. Jahrzehnte später ist der Ort erneut ein Experimentierfeld: Dieses Mal für ein Quartier, das Wohnen, Kultur und soziale Angebote verbindet. Was hat sich über die Jahre verändert? Wer hat daran mitgewirkt? Und warum ist die Rathenower Straße 16 heute ein Symbol für gelebte Vielfalt?

Der Wunsch von einem besseren Ort in den 70ern

An der Rathenower Straße 16 entstand in den 1970er-Jahren eine große Idee: Kinder sollten hier einen Ort finden, an dem sie nicht nur wohnen, sondern auch lernen, spielen und betreut werden. Architekt*innen entwarfen ein Kinder- und Jugendwohnheim im Stil des Brutalismus.

Doch schon bald zeigte sich, dass diese Art der Unterbringung für Kinder- und Jugendliche nicht mehr zu den neuen sozialen Leitbildern passte. Es setzten sich kleinere, dezentrale Einrichtungen durch und das Wohnheim in Moabit wurde geschlossen. Der Gebäudekomplex blieb zwar erhalten, stand jedoch meist leer.

Eine historische Schwarz-Weiß-Aufnahme zeigt mehrere Personen im Anzug, die sich zur Begrüßung die Hände schütteln. Im Hintergrund ist der Gebäudekomplex an der Rathenower Straße 16 im Stil des Brutalismus zu sehen.
Am 28. September 1977 besuchte Berlins Regierender Bürgermeister Dietrich Stobbe die Rathenower Straße 16 – ein brutalistischer Gebäudekomplex mit Kinder- und Jugendwohnheim, Jugendfreizeitstätte und Kita als damals neuartiger Sozialcampus.
Spatenstich auf einer Baustelle mit vier Personen in dunklen Mänteln, die gemeinsam mit goldenen Spaten in einem Sandhaufen graben, während im Hintergrund ein gelber Bagger und ein Plattenbau-Wohngebäude zu sehen sind.
Spatenstich für ein neues Bauprojekt: Aus zahlreichen Diskussionen, Workshops und Kompromissen wurde ein Entwurf, der nun in die Realität umgesetzt wird. Viele packen an, um die Ideen in die Tat umzusetzen.

Die Nachbarschaft erhebt ihre Stimme … und wird gehört

In den 2000er-Jahren stand die Frage im Raum: Abriss und kommerzieller Neubau oder Erhalt und soziale Nutzung? Für die einen war das Gebäude nur ein Relikt, für die anderen steckte darin Potenzial für die Nachbarschaft. Bürgerinitiativen machten Druck und forderten Beteiligung sowie eine Zukunft, die mehr ist als „Immobilienverwertung“.

Mit Erfolg: Der Plan zum Totalabriss wurde gestoppt. Stattdessen kam die Gesellschaft für Stadtentwicklung (GSE) ins Spiel und entwickelte ein Konzept für Jugend- und Kulturangebote.

„Die Entscheidung darüber, wie ein Neubau gestaltet wird entsteht idealerweise im Dialog zwischen verschiedenen Akteur*innen: Planer*innen, Architekt*innen, der Stadtverwaltung und oft auch der Zivilgesellschaft.“
Ramona M., Projektleiterin bei der WBM

Zusammen planen, zusammen leben. Ein Ort im Wandel.

In den 2010er Jahren wurden alle Beteiligten aus Bürger*innen, Planung, Politik an einen Tisch gebracht. Es entstand eine neue Art, über Stadtentwicklung zu sprechen: gemeinsam. Es gab Workshops mit sozialen Träger*innen, Befragungen und öffentliche Veranstaltungen. Das Ergebnis ist ein Konzept, das Wohnen, soziale Arbeit und Kultur miteinander verbindet: sogenannte Clusterwohnungen. Diese bestehen aus kleinen privaten Einheiten, kombiniert mit Gemeinschaftsräumen. Dieses Modell ermöglicht mehr Begegnung und nutzt Wohnraum effizienter.

„Es verbindet die Vorteile gemeinschaftlichen Wohnens mit dem Bedürfnis nach Privatsphäre. Dieses Wohnmodell fördert nicht nur soziale Begegnungen im Alltag, sondern trägt auch zur effizienteren Nutzung von Wohnfläche bei.“
Ramona M., Projektleiterin bei der WBM

Heute: zwischen Baustelle und Beteiligung

Heute rollen entlang der Rathenower Straße 16 schon die Bagger, die Beteiligungsprozesse laufen parallel dazu weiter. Neben den Clusterwohnungen für gemeinschaftliches Leben sind Räume für soziale und kulturelle Träger*innen geplant. Mietende die bereits vor Ort leben, dürfen natürlich bleiben, auch für sie kommen neue Angebote hinzu. So wächst das Quartier. Ramona M., Projektleiterin bei der WBM, sagt dazu: „Darüber hinaus errichten wir einen zentralen Quartiersplatz, der den Zugang zum angrenzenden Fritz-Schloss-Park barrierefrei ermöglicht.“ Der Quartiersplatz ist eine echte Besonderheit des Projekts.

Soziales, Kultur, Leben – alles an einem Ort.

An der Rathenower Straße 16 entsteht ein neuer Ort, an dem vieles zusammenkommt: bezahlbare Wohnungen, Raum für gemeinsames Leben und ein Platz, der das Quartier noch lebendiger macht. Dieses Projekt zeigt, wie Stadtentwicklung aussehen kann, wenn alle Beteiligten gemeinsam an einer Vision arbeiten.

Mitten in Berlin Moabit: Was das Quartier zu bieten hat

Die Rathenower Straße liegt im Herzen von Moabit, einem Stadtteil, der sich vom Arbeiter- und Militärstandort zu einem lebendigen, bunten Quartier gewandelt hat. 

Am nördlichen Ende der Rathenower Straße befindet sich die Justizvollzugsanstalt (JVA) Moabit, ein geschichtsträchtiger Ort, in dem während der NS-Zeit auch politische Regimegegner wie Ernst Thälmann inhaftiert waren. Das Gefängnis ist heute weiterhin in Betrieb, doch das Umfeld hat sich verändert: Grünflächen, Spielplätze und kleine Oasen wie der Minigolfplatz oder der Moabiter Hundegarten machen das Viertel zu einem Ort, an dem sich Geschichte und Gegenwart begegnen.

Fazit: Ein Ort in Bewegung

Von den politischen Ideen der 70er, über Bürgerproteste in den 2000ern, Workshops in den 2010ern bis hin zum Bauprojekt heute: Die Rathenower Straße 16 ist das Ergebnis vieler Hände und Köpfe. Sie zeigt, wie Stadtentwicklung aussehen kann, wenn Beteiligung ernst genommen wird.